Bisamratte

An einem sonnigen Julitag 2016 war ich mal wieder am Fließ. Außer auf dem Aussichtsturm begegnete ich keinem Menschen. Auf dem Turm war ein Paar mit Fotoapparaten und Teleobjektiven, die meins um einiges überragten. Keine Ahnung, auf welche Motiv sie scharf waren, aber sie blieben nicht lange auf dem Turm und belagerten dann noch Ewigkeiten die Brücke, die über das Fließ zu dem großen See führte. Während ich also alleine auf dem Turm mit der mangelnden Anzahl von lohnenswerten Fotoobjekten haderte, erweckte ein schwimmendes Tier im Fließ meine Aufmerksamkeit. Obwohl ich die Kamera im Anschlag hatte, gelang mir nur ein einziges Bild – und das war natürlich unscharf. Der Schwimmer verschwand nämlich zügig in der Ufervegetation und tauchte auch die nächsten 15 Minuten nicht mehr auf. Wenn das Paar nicht so ausdauernd die Brücke besetzt hätte, wäre ich auf diese Position gewechselt, um den Ort des „Verschwindens“ im Auge zu behalten. Aber so gab ich auf, und mir blieb nur die Hoffnung, dass ich mit Hilfe meiner Tierbücher und den Informationen aus dem Internet das Tier bestimmen konnte.

Um es vorweg zu nehmen: ich konnte nicht! Es gab drei Tiere, die meinem Überraschungs-Schnappschuss ähnelten: den Biber, die Nutria und die Bisamratte. Von Ersterem wusste ich einiges, von Letzteren so gut wie nichts, außer, dass sie dem Biber ähnlich sehen. Ich weiß, dass es Biber in unserer Region gibt, denn das Naturzentrum bietet Führungen an, bei denen man im Naturpark auf sonst gesperrten Wegen die Tiere entdecken kann. Aber Biber bauen ziemlich charakteristische Burgen, die auch für Laien unschwer zu erkennen sind. Natürlich ist die Naturschutz-Region rund ums Fließ gewaltig, und man kann nicht mal einen kleinen Prozentanteil davon begehen oder einsehen. Aber von einer Biberpopulation hatte ich damals noch nichts gehört, und eine Biberburg hatte ich noch nicht entdeckt. Blieben also Nutria (die ich, aus welchen Gründen auch immer, damals ausschloss) und die Bisamratte. Sie unterscheidet sich vom Biber durch den Schwanz, der schmal ist (auf dem Bild nicht eindeutig zu erkennen), die Größe (schwierig, wenn kein Biber daneben schwimmt) und die Schwimmhäute zwischen den Zehen (nicht sicher auszumachen bei Fotos, auf denen die Pfoten unter Wasser sind). Trotzdem hielt ich die Bisamratte für wahrscheinlicher, weil ich auch am gesamten Fließ noch keine „Biberspuren“ in Form von angenagten Bäumen gesichtet hatte. Die habe ich sogar in Wien an der Donau schon gesehen. Außerdem sollen Bisamratten weniger sensibel sein, was das Ökosystem angeht, und weit verbreitet. Also präsentierte ich auf meiner alten Homepage die Bisamratte und war sogar ein bisschen stolz, dass ich ein halbwegs verwertbares Foto machen konnte.

Wochen später habe ich die Bisamratte wieder gesehen. Sie war sehr beschäftigt und schwamm ständig hin und her. Ab und zu tauchte sie unter. Da ich meinen Lieblingsplatz für mich alleine hatte, konnte ich viele Bilder von allen möglichen Standorten aus machen. Beim Auswerten am PC stellte ich fest, dass das Tier etwas in der Schnauze transportierte. Zunächst dachte ich an ein Beutetier, aber laut Internet und meinem Tierbuch ist die Bisamratte ein Pflanzenfresser. Da zwei Tage zuvor Sintflutartige Regenfälle die Region heimgesucht hatten, vermutete ich, dass das Nest überschwemmt war, und mein Tierchen seine Jungen in ein neues, trockenes Nest brachte. Auf einem Bild ist jedenfalls ganz eindeutig eine Pfote zu sehen, welche dem erwachsenen Tier ins Gesicht tritt (und auf meinen Fotos ändert sich die Haltung, was bedeutet, dass es lebt). Wenn meine Theorie stimmt, bin ich wohl ein Fotografen-Glückspilz!

Immer, wenn man denkt, ein Glücksfall ist nicht zu toppen, wartet die nächste Überraschung. Ungefähr eine Woche später hatte ich das Glück, ein Bisamratten-Jungtier zu beobachten. Es war sehr scheu, hielt sich möglichst am Ufer und der schützenden Vegetation auf, aber ab und zu wurde es mutig und zeigte sich. Hier meine Lieblingsfotos (man beachte das niedliche, kurze Schwänzchen):

Einige Tage später entdeckte ich dann eine Bisamratte einige hundert Meter weiter stromaufwärts, aber leider hatte ich das falsche Fotoprogramm eingestellt, und mir gelang kein einziges scharfes Bild, dabei war ich so dicht an dem Tier dran. Dafür hatte ich im September das Vergnügen, eine Bisamratte an gleicher Stelle zu beobachten (und zu fotografieren), als sie einen Schilfzweig abnagte und davon schleppte. Auf diesen Bildern war meine Indentifikation dann abgeschlossen, denn der Bisam hat keine orangen Zähne.

Diese Bilder waren für lange Zeit die letzten, die ich von der Bisamratte machen konnte. So oft ich auch am Fließ war - sie war verschwunden, als hätte es sie nie gegeben. Ich war ein bisschen enttäuscht. An einem kalten, sonnigen Tag im Dezember war dann plötzlich mal wieder ein Exemplar da. Es schwamm entspannt vor sich hin und turnte dann ein bisschen in der Uferböschung herum. Und mir gelangen schöne Fotos. Aber 1 Jahr später stellte sich heraus, dass ich eine Nutria erwischt hatte. Und dann war wieder lange Zeit "Sendepause". Der nächste Winter war sehr eisig, aber Ende Februar kam mir mal wieder eine Bisamratte vor die Linse. Sie lag irgendwie nicht besonders stromlinienförmig im Wasser. Als sie sich dem Ufer näherte, sah ich, warum. Sie transportierte ein "dickes Ding". Hätte ein Ast sein können, aber ich tippte eher auf eine dicke Wurzel einer Wasserpflanze.

Im Februar 2018, es war noch sehr frostig, fotografierte ich ein pelziges Paar am Fließ. Felsenfest davon überzeugt, dass es sich um die Bisamratte handelte, freute ich mich über mein Glück, weil es so wenig scheu meine Nähe erduldete, auch an Land ging, dort sitzen blieb, sich putzte und mich viele Fotos machen ließ. Aber etwas fiel mir beim Auswerten der (tollen!!!) Bilder auf: Die Viecher hatten orange Zähne. Nun lag meine Recherche schon zwei Jahre zurück, und ich erinnerte mich nicht mehr an alle Details. Aber als mir im April ein großer Pelzträger im Wasser auffiel und ich auf einen Biber hoffte, checkte ich noch mal die Unterschiede. So musste ich alle bisherigen Bisam-Fotos noch einmal prüfen und feststellen, dass ich die Nutria auch schon 2016 nachgewiesen hatte. Und plötzlich fand ich die Unterschiede so offensichtlich! Ganz entscheidend ist der Kopf (den Rest sieht man ja bei schwimmenden Tieren auch nicht so gut). Die Bisamratte hat einen kleinen eher spitz zulaufenden Kopf. Die Nase selbst ist schwarz, unbehaart und klein, die Schnurrhaare kurz und dunkel. Und die Ohren sind behaart und im nassen Fell nicht scharf anzugrenzen, im Gegensatz zum Nutria, das nackte Öhrchen hat und weiße, lange Schnurrhaare! Warum hat auf den Internetseiten denn niemand auf diese offensichtlichen, einfachen Unterscheidungsmerkmale hingewiesen? Ich pfeife auf die Schwanzform und Schwimmhäute! Ab jetzt weiß ich Bescheid und präsentiere die Nutria-Bilder auf einer eigenen Seite.

Im April 2018 habe mal wieder die Bisamratte am Fließ getroffen. Es muss wohl ein besonders günstiger Zeitpunkt gewesen sein, denn ich sah mehrere Exemplare an verschiedenen Stellen. Der erste Kandidat versuchte sich zu verstecken und sah dabei wunderbar puschelig aus.

Der zweite Kandidat war mit dem Transport von Zweigen sehr beschäftigt. Ich habe viele tolle Bilder gemacht mit wunderbaren Effekten vom Zweig im Wasser, zeige aber nur eins (ist ja meine Bisamratten-Seite, nicht die Rubrik „Starfotos“).

Dann hatte ich einen wenig scheuen Schwimmer, der elegant durchs Wasser glitt, um dann am gegenüberliegenden Ufer an Land zu gehen. Keine Ahnung, warum er solange auf dem Hügelchen saß. Ich vermute, dort lag der Eingang zu seinem Bau.

 

Der nächste Kandidat war auch wenig scheu, und je näher das Motiv, desto schärfer das Bild!

Der letzte Kandidat tat mir wirklich leid, denn ich habe ihn sehr erschreckt. Das war nicht meine Absicht. Am Aussichtsturm führt eine kleine Brücke über das Fließ. Dahinter ist ein breiter Holzsteg, der durch die Wildnis führt. Ohne ihn könnte man nicht trockenen Fußes weiter laufen. In einem kleinen Nebenflüsschen sah und hörte ich die Bisamratte, die auf mich zu schwamm ohne mich zu sehen. Ich knipste, bis sie ganz nah dran war. Dann bemerkte sie mich und tauchte schnell ab. Sorry!

Dass die Bisamratte Schilfstängel abknuspert und im Wasser schwimmend durch die Gegend schleppt, habe ich schon abgelichtet und vorgestellt. Das macht sie am Fließ überwiegend im Sommer, so dass ich davon ausgehe, dass sie Futter für die Nachkommenschaft in den Bau bringt. Manchmal stellt sie sich etwas ungeschickt an, so dass das Stängelende zwar links im Maul gehalten wird, der „Anhang“ aber rechts über den Rücken führt und links neben dem Körper im Wasser liegt.

Den Bisam scheint das nicht zu behindern. Und er ist viel zu beschäftigt, um sich bei seiner Arbeit durch solche Kleinigkeiten aufhalten zu lassen. Hier zeige ich die besten Bilder von 8 Beutezügen. Dann bin ich weiter gegangen, weil ich an dem Tag noch mehr erleben wollte.